Autor: Stephan Worseck

Angeblicher Faktencheck beim Verein N.

Vor kurzem stolperte ich über den online Beitrag „Faktencheck der Aussagen von Nina Scheer zum Thema Kernkraft“ vom 05.01.2026 vom Verein N. Ich kürze absichtlich den Namen des Vereins N., bei dem die Verantwortung für den oben genannten Artikel liegt, da es mir fern liegt, Werbung für einen, die Kernkraft verherrlichenden Verein, zu machen. Wer den Beitrag finden will, findet ihn schnell!

Übrigens wurde wohl nur ein interner Alibi-Kommentar an den Beitrag angehängt. Ich gehe davon aus, dass die öffentliche Kommentarfunktion durch den Verein N. absichtlich gesperrt wurde, um das runde Bild eines angeblichen Faktenchecks nicht zu stören.

Ein Faktencheck ohne seriöse Quellen

Als Leitbild hat der Verein N. von behauptet:

Wir sind ein menschen- und naturfreundlicher Verein, der dir zuverlässige Informationen über die Kernenergie liefert: Sie ist unsere beste Option, Natur und Klima zu schützen und gleichzeitig unseren Wohlstand zu erhalten. Unser Ansatz ist wissenschafts- und faktenbasiert, unsere Vision humanistisch: erschwingliche und saubere Energie für alle, die stets da ist, wenn man sie braucht.

Allerdings entspricht der Faktencheck nicht dem eigenen o.g. Qualitätsanspruch. Den Lesern sollte nicht nur die Meinung eines Vereins offeriert werden, sondern die Aussagen sollten mit überprüfbaren Fakten mit entsprechenden seriösen Quellenangaben untersetzt werden.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit will ich für Euch ein paar Aussagen des Faktenchecks widerlegen!

Die Kosten der Atomkraft

So wird bei der Aussage „Die zuletzt abgeschalteten Anlagen in Deutschland hatten Produktionskosten von 2 bis 3 ct/kWh“ auf einen Focus-Artikel verwiesen, in dem ein Manager interviewt worden ist und der diese Produktionskosten ohne Nennung von Randbedingungen von sich gab. Ist eine solche Zahl prüfbar / belastbar? Was ist in den „Produktionskosten“ enthalten bzw. was ist nicht enthalten?

Anders ist das bei der, dem Verein N., nicht genehmen Studie des Fraunhofer Institute for Solar Energy Systems ISE. Bei dieser wissenschaftlichen Studie wurden die Randbedingungen genannt. Wenn der Verein N., als glühende Verfechter der Kerntechnik anderer Meinung ist, sollte er dies öffentlich mit dem Fraunhofer Institut ISE diskutieren!
Eine alternative Möglichkeit wäre es z.B. in die zugänglichen Quellen VOR Veröffentlichung der Studie des Fraunhofer Instituts ISE zu schauen, z.B. in den „The World Nuclear Industry Status Report 2024“ (1). Und da wird in Abbildung 58 ein ähnliches Bild auf der Grundlage einer anderen internationalen Studie gezeigt. Die Autoren haben ab 2009 die Kostenentwicklung unterschiedlicher Energieträger über die Zeitachse aufgetragen. Fällt Euch auch die kontinuierliche Steigerung der Kosten für die Kernkraft im Gegensatz zu denen von Sonne und Wind auf? Das hätte dem Verein N. doch auch auffallen müssen!

Vergleich der sinkenden Kosten der Erneuerbaren Energien im Vergleich zu traditionellen Energiequellen; Entnommen aus (1)

Die Verdeckten Kosten / Subventionen

Im sogenannten Faktencheck zur „Behauptung: Kernenergie sei nur durch massive Subventionen und vergesellschaftete Risiken möglich.“ stürzte der Autor mit seiner Behauptung „dass es keine direkten oder indirekten Subventionen für den kommerziellen Betrieb von Kernreaktoren gab“ in puren Populismus und Verdrehung von Tatsachen ab.

Und wahrscheinlich hatte der in der Quelle interviewte Ex-Aufsichtsratsvorsitzende von Eon die Studie vom „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V.“ aus dem Jahr 2017 vergessen (2). Dort hatte man in viel Kleinarbeit für den Zeitraum 1970 bis 2016 die staatlichen Förderungen für unterschiedliche Energieträger miteinander verglichen.

In der Studie von 2020 vom „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V.“(3) hatte man die „versteckte Kosten“ der Atomenergie wie folgt zusammengefasst:

In den Jahren 2007 bis 2019 betrugen die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Stromerzeugung aus Atomenergie durchschnittlich zwischen 25 Ct/kWh und 39 Ct/kWh. Davon sind 21 bis 34 Ct/kWh bisher noch nicht im Strompreis enthalten und daher „versteckte Kosten“ der Atomenergie. Insgesamt summieren sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten allein in diesem relativ kurzen Zeitraum auf 348 bis 533 Mrd. EUR (real)“

Staatliche Förderungen 1970-2026 in Mrd. EUR (real); Entnommen aus (3)

Deckungsvorsorge und Endlager

Sicherlich, die deutschen Kernkraftwerke waren versichert, jedoch nur bis zu einer gesetzlich festgelegten Deckungsvorsorge von maximal 2,5 Milliarden Euro. Übrigens, das entspricht der empfohlenen Deckungsvorsorge für nur 25 Autos!

In einer Studie aus 2011(4) ermittelte man eine mittlere gesamt zu zahlende Versicherungssumme (Deckungssumme) in Höhe von rund 6.090 Milliarden Euro (Achtung: 6 Billionen!) für einen nuklearen Katastrophenfall. Das gefiel dem Verein N. wohl nicht und in dem weitaus aufwendigeren Beitrag „Widerlegt: Deutschlands bekannteste Studie zur Versicherbarkeit von Kernkraftwerken“ stritt man sich über Unzulänglichkeiten der o.g. Studie. Wir empfehlen dem Gesetzgeber die Deckungsvorsorge im Atomgesetz realistisch anzuheben. Dann entscheidet der Markt über die Wirtschaftlichkeit.

Auch die Ewigkeitskosten der Endlagerung gehören in die Kosten. Die Betreiber der 25 deutschen Kernkraftwerke hatten sich mit einmalig 24,1 Mrd. EUR an den KENFO zur Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung des radioaktiven Abfalls freigekauft. Aber diese Aufgabe wird mit Ewigkeitskosten für die SteuerzahlerInnen verbunden bleiben.

Weltweite Stagnation der Atomkraft

Der Satz „Diese Aussage stimmte für einige Jahre, ist mittlerweile aber überholt, da durch Wiederinbetriebnahmen, Laufzeitverlängerungen und Neubau die Stromproduktion aus Kernkraft wieder merklich zunimmt.“ lässt sich nach den Angaben der IAEA nicht nachvollziehen.

Welt-Reaktorflotte 1954 bis Mitte 2025; Entnommen aus (5)

Und die Ankündigung von 33 Staaten mehr AKWs bauen zu wolllen, sind halt nur Absichts- / Willensbekundungen, die ggf. später in der Aufzählung der abgesagten Reaktorprojekte einzureihen sind. Einzige Ausnahme mag China sein, denn dort werden Marktmechanismen außer Kraft gesetzt.

Abgesagte der verschobene Reaktorprojekte: Entnommen aus (1)

Energiedichte von Uran-Pellets?

Irgendwo schrieben Sie: „Kernkraft hat die höchste bisher bekannte Energiedichte aller Energiequellen“. Nennen Sie es doch beim Namen: Die Uran-Pellets haben eine solch hohe Energiedichte. Tatsache ist jedoch, dass das Uran häufig in Konzentrationen von 0,05% (!) und weniger im Gestein ist, was noch als „abbauwürdig“ erachtet wird. Es müssen 2000 t Uran abgebaut, zermahlen, mit Säure behandelt und getrocknet werden, bis 1 t Uran (yellowcake) gewonnen ist und das sind immer noch keine AKW-fähigen Pellets … Und davon bleiben 1999 t als feste Tailings mit erheblicher Radioaktivität zurück und ungefähr das Doppelte an flüssigen Tailings, die alle weitgehend in der Umwelt abgelagert werden und auf tausende von Jahren eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Rechnet man diese Tailings mit ein, dann dürfte von der „Energiedichte“ nicht mehr viel übrigbleiben! Wer von Euch zu dem Thema mehr erfahren will, schaut bitte auf die Webseite von https://uranium-network.org/

Und dann ist der Verein N. der Meinung, dass die Kernenergie eine „stetig verfügbare und skalierbare Energie“ darstellt. Uran wird aber zum Glück nicht mehr in Deutschland abgebaut und muss daher importiert werden. Europa hatte sich zwar doppelzüngig NICHT für Sanktionen gegen Russland bezüglich Kernbrennstoffe entschieden, aber was, wenn der Kreml irgendwann nicht mehr liefern will?

Doch die Erneuerbaren Energien kann keiner über Deutschland so einfach ausschalten.

S.W.

Literatur

  1. Schneider A.M.: World Nuclear Industry Status Report 2024; WNISR2024 (19.09.2024)
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 15.01.2025
  2. Wronski R., Fiedler S.: "Was Strom wirklich kostet" Vergleich der staatlichen Förderungen und gesamtgesellschaftlichen Kosten von konventionellen und erneuerbaren Energien – Langfassung, überarbeitete und aktualisierte Auflage Oktober 2017 – "Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V." im Auftrag von Greenpeace Energy
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 26.01.2026
  3. Schrems I., Fiedler S.: "Gesellschaftliche Kosten der Atomenergie in Deutschland – Eine Zwischenbilanz der staatlichen Förderungen und gesamtgesellschaftlichen Kosten von Atomenergie seit 1955" (09/2020) "Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V." im Auftrag von Greenpeace Energy
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 09.03.2026
  4. Günther B. u.a. „Berechnung einer risikoadäquaten Versicherungsprämie zur Deckung der Haftpflichtrisiken, die aus dem Betrieb von Kernkraftwerken resultieren“ 2011 GRIN Publishing GmbH
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 10.02.2026
  5. Schneider M.: "The World Nuclear Industry Status Report 2025" (WNISR2025) Paris, September 2025
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 20.10.2025

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