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Warum ist das Militär an der Fusionsforschung interessiert?

Kurz gefasst

Fusionskraftwerke tragen zur Proliferation bei, da mit ihrer Hilfe Material gewonnen wird, das direkt oder nach weiteren Verarbeitungsschritten zur Herstellung von Kernwaffen eingesetzt werden kann.  Weiterhin gibt es aber auch Waffen, die selbst auf der Kernfusionen basieren: Wasserstoffbombe (H-Bombe), Neutronenbombe und Kobaltbombe. Aber das Militär will auch Laserwaffen und Plasmakanonen haben!

Ausführliche Antwort

Fusionswaffen

Das Militär war der Initiator für die erste nicht kontrollierte Kernfusion. Die USA hatten im November 1952 bei einem Kernwaffentest mit dem ➚ Codenamen Mike die erste große ➚ Wasserstoffbombe gezündet.

Die Ausdrücke ➚ Kernwaffen und nukleare Waffen sind Oberbegriffe für alle Arten von Waffen, die Energiegewinne aus Kernreaktionen ausnutzen. Zu den Waffen, die auf Kernfusionen basieren, gehören:

Der Begriff „Fusionswaffe“ oder auch ➚„Fusionsbombe“ ist eher ungebräuchlich. Anstelle dessen wird aus dem Englischsprachigen der  Begriff ➚ „Thermonuclear weapon“ (Thermonukleare Waffe) benutzt. Über den ➚ Kernwaffenbestand in der Welt gibt es relativ gute Übersichten, über den Bestand an Thermonuklearen Sprengköpfen jedoch nicht.

Laserwaffen

Das Militär entwickelt sogenannte Energiewaffen oder Strahlenwaffen, mit denen man mit gebündelter Energie militärische Ziele außer Funktion setzen, schädigen oder vernichten kann. Dazu gehören auch die ➚ Laserwaffen und Plasmakanonen.

Laserinduzierte Trägheitsfusion zur Simulation von Atomwaffen

In der Pressemitteilung vom 13.12.2022 wurde vermeldet (1):

„Das US-Energieministerium (DOE) und die Nationale Behörde für Nukleare Sicherheit (NNSA) des DOE gaben heute bekannt, dass im Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) die Fusion gezündet wurde – ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch, der seit Jahrzehnten angestrebt wurde und den Weg für Fortschritte in der nationalen Verteidigung und die Zukunft sauberer Energie ebnen wird.“

Dabei wurde in dieser Pressemitteilung die Reihenfolge der Zielbereiche bewusst gewählt:

  • die nationale Verteidigung
  • Energiegewinnung

Doch die internationale Presse hat den Durchbruch beim NIFNational Ignition Facility nur noch in Bezug zur Nutzung als Energiequelle gesetzt. Ein Beispiel ist die Pressemitteilung des ➚ Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ebenfalls vom 13.12.2022:

„Dieser Netto-Energiegewinn stellt den ersten international lang erwarteten Durchbruch in der Fusionsforschung dar.“

Wer etwas mehr über die wahren Gründe der Forschung am NIFNational Ignition Facility erfahren will, sollte einen Interview-Beitrag im „Bulletin of the Atomic Scientists“ lesen (1). Darin heißt es:

„Dies ist keineswegs ein Geheimnis, sondern seit 1996 ein offen anerkanntes Ziel der USA, als die Clinton-Regierung beschloss, den Vertrag über das ➚umfassende Verbot von Nuklearversuchen zu unterstützen, und ein Programm ins Leben rief, um die weitere Funktionsfähigkeit des US-Atomwaffenarsenals ohne unterirdische Tests sicherzustellen – der entscheidende Schritt zur Einführung des „Science-based Stockpile Stewardship Program” (wissenschaftlich fundiertes Programm zur Verwaltung des Atomwaffenarsenals).“

Proliferation

Fusionskraftwerke tragen zur ➚ Proliferation bei, wenn mit ihrer Hilfe Material gewonnen wird, das direkt oder nach weiteren Verarbeitungsschritten zur Herstellung von Kernwaffen eingesetzt werden kann. Ebenfalls zu den Proliferationsrisiken zählen die Aneignung und der Umgang mit Schlüsseltechnologien für die Entwicklung von Kernwaffen. Bei Kernfusion mit magnetischem Einschluss sind insbesondere zwei Faktoren für eine mögliche Proliferation relevant: Das in der Anlage als Brennstoff verwendete Tritium und die Möglichkeit, mit Hilfe der in der Fusionsreaktion erzeugten Neutronen spaltbare Materialien zu erbrüten (2), (3).

Tritium

Tritium stellt ein wesentliches Proliferationsrisiko beim Betrieb von Fusionsreaktoren dar, da es als Sprengkraftverstärker ein Bestandteil fortgeschrittener Kernwaffendesigns ist (3). Die genaue Bilanzierung des Tritiuminventars in einer Fusionsanlage ist schwierig. Zudem können einige Gramm Tritium leicht in tragbaren Speichern transportiert werden, die mit heute etablierten Kontrolltechniken kaum aufzuspüren sind (2).

Zur „Tritium Crisis“ und zur Ambivalenz der zivilen und militärischen Nutzbarkeit von Tritium lies bitte in (4).

Spaltbares Material

Das Risiko der Erbrütung waffenfähiger spaltbarer Materialien ist bei einem reinen Fusionsreaktor als eher niedriger einzuschätzen als bei einem Spaltreaktor (2), da bei einem Fusionsreaktor ohnehin alle Neutronen eigentlich zum Erbrüten von Tritium gebraucht werden

Literatur

  1. Energieministerium (DOE) und die Nationale Behörde für nukleare Sicherheit (NNSA): "DOE National Laboratory Makes History by Achieving Fusion Ignition" Pressemitteilung (13.12.2022)
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 13.11.2025
  2. TAB (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) Grunwald A., Grünwald R., Oertel D., Paschen H.: Kernfusion – Sachstandsbericht; Arbeitsbericht Nr. 75 (März 2002) 82
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 01.11.2024
  3. TAB (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) Grünwald R.: Auf dem Weg zu einem möglichen Kernfusionskraftwerk – Wissenslücken und Forschungsbedarfe aus Sicht der Technikfolgenabschätzung; TA-Kompakt Nr. 1 ISSN: 2944-8077 (01.12.2024)
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 09.01.2025
  4. Colschen L., Kalinowski. M: "Tritium Ein Bombenstoff rückt ins Blickfeld von Nichtweiterverbreitung und nuklearer Abrüstung" (W&F 1991/4)
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 10.06.2025
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