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Wie sind die „Durchbrüche“ bei der Kernfusionsforschung zu beurteilen?

Kurz gefasst

Institutionen, die sich mit Fusionsforschung beschäftigen, stehen unter dem Druck, sich mittels Durchbruchsmeldungen in den Blickpunkt der Medien zu stellen, um weitere Forschungsgelder erfolgreich einzuwerben. Diese Durchbruchsmeldungen sind Teil einer Kommunikationsstrategie. Es wurde kritisiert, dass die Fusionscommunity absichtlich verzerrte Bilder vom tatsächlichen Forschungsstand der Kernfusion für die breite Öffentlichkeit erzeugen will.

Ausführliche Antwort

Die Erforschung der Kernfusion wurde zunächst mit dem Ziel der militärischen Waffenentwicklung verfolgt und erfolgte deshalb hinter verschlossenen Türen (➚Wikipedia). Seit den 1950iger Jahren gibt es wichtige experimentelle Meilensteine in der Erforschung der Kernfusion:

  • Erste kontrollierte Plasmaerzeugung (1950er Jahre)
  • Erster Plasmaeinschluss im Tokamakтороидальная камера с магнитными катушками (Toroidale Kammer mit Magnetspulen) (➚1968)
  • Princeton Large Torus: Plasma bei über 60 Millionen Grad Celsius erzeugt (➚1978)
  • JETJoint European Toruserzeugt Fusionsenergie von 16 MJ (➚1997)
  • NIFNational Ignition Facility Erste Netto-Energieerzeugung mit Lasern gezündet (➚2022)

Keine Frage, das sind technische Leistungen, aber Durchbrüche?

Gerade die beiden letzten Meldungen muss man relativieren. Denn wie viel Wasser könnte man mit der erzeugten Energie von JETJoint European Torus von 16 MJ von 20 °C auf 100 °C erhitzen? Es sind ganze 47 ml Wasser!

Bei JETJoint European Torus hat man das erste Mal in eine mikroskopische Menge Deuterium und Tritium fusioniert und dabei über 2 Sekunden 16 MJ kinetische Energie der Neutronen freigesetzt. Gleichzeitig benötigte man aber 24 MW Energie zum Heizen für die Dauer des Versuches. Bei diesem Weltrekord wurde aber nicht berichtet, wie viel Energie man vorher zum Anheizen von JETJoint European Torus reingesteckt hatte.

Und die Meldung des NIFNational Ignition Facility von 2022 hat man sich auch nur schöngerechnet. ➚Konkret sollen etwa 2 MJ an Energie eingesetzt worden sein, um am Ende 3 MJ zu erhalten, d.h. eine Netto-Energieerzeugung von einem 1 MJ. Bei dieser Rechnung hatte man wiederum nicht die rund 300 MJ an Energie, die für den Betrieb der Lasergeräte aufgewendet werden mussten, in Rechnung gestellt.

Aber die Energieerzeugung war ja gar nicht das Ziel des NIFNational Ignition Facility. Lies dazu:

Institutionen, die sich mit Fusionsforschung beschäftigen, stehen natürlich unter dem Druck, sich mittels Durchbruchsmeldungen immer wieder mal in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stellen, um weitere Forschungsgelder erfolgreich einzuwerben.

Ein Blick hinter die Kulissen von ITER gewährte 2021 der „Whistleblower Report“ vom Michel Claessens, ehemaliger Kommunikationsdirektor bei der ITER Organization. Er kritisierte strukturelle Missstände: Defizite in Transparenz, Governance und interner Kommunikationskultur, die aus seiner Sicht eine zu stark positiv gerahmte Außendarstellung beförderte (1).

Erstmalig wurde in Deutschland 2024 in dem Bericht des TABBüro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag „Auf dem Weg zu einem möglichen Kernfusionskraftwerk Wissenslücken und Forschungsbedarfe aus Sicht der Technikfolgenabschätzung“ Kritik an der Kommunikationsstrategie der Fusionscommunity geübt. Der Bericht kritisiert darin, dass der breiten Öffentlichkeit verzerrte Bilder des tatsächlichen Forschungsstands präsentiert werden. Dies sei für eine rationale Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in Gesellschaft und Politik in hohem Maße kontraproduktiv (2).

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Literatur

  1. Claessens M.: "ITER: A Whistleblower Report" A Preliminary Report to the European Commission, the European Parliament, the ITER Council, the European Anti-Fraud Office and the Défenseur des Droits (France) Originally Published: 2 November 2021 / Revised: 22 March 2022
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 25.02.2026
  2. TAB (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) Grünwald R.: Auf dem Weg zu einem möglichen Kernfusionskraftwerk – Wissenslücken und Forschungsbedarfe aus Sicht der Technikfolgenabschätzung; TA-Kompakt Nr. 1 ISSN: 2944-8077 (01.12.2024)
    Quelle im Internet zuletzt abgerufen am 09.01.2025
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